Artikel: Amerindischer Perspektivismus – eine Reflexion über SDG 13 (Klimaschutz) aus dem Amazonasraum (2022)

Unser Weltbild ist von einer zentralen Unterscheidung bestimmt: der Unterscheidung zwischen Natur und Kultur. Auf der einen Seite die von Naturgesetzen regierte, unpersönliche Welt der Tiere und Dinge, auf der anderen die Menschenwelt mit ihrer individuellen und kulturellen Vielfalt. Diese fundamentale Trennung beherrscht das ganze (westliche) Denken und Handeln. Der Amerindische Perspektivismus zeigt, wie man die Trennung zwischen Natur und Kultur (doch) anders denken kann. Eduardo Viveiros de Castro in Zusammenarbeit mit Tânia Stolze Lima sowie Philippe Descola sind diejenigen Anthropologen, die die indigenen Vorstellungen und Weltbilder untersucht haben. Das Resultat ist eine faszinierende Erkenntnis anderer Kosmologien, die zeigt, dass die westliche Weltanschauung alles andere als selbstverständlich ist. Sie führen uns vor Augen, dass Weltbilder extramoderner Völker und indigener Kulturen Afrikas, Amazoniens, Neuguineas und Sibiriens ganz andersartig aufgebaut sind als das Westliche mit der Trennung zwischen Natur und Kultur. Manche Kulturen betrachten Dinge als beseelt oder behaupten, dass verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Tieren und Menschen bestehen. Dadurch wird die Welt bei den indigenen Gesellschaften als Austausch von verschiedenen Perspektiven zwischen Menschen und nicht-Menschen betrachtet.
Mit dem Perspektivwechsel bzw. der Übung, aus einer anderen Sichtweise die Welt zu betrachten, lernt man nicht nur andere Gesellschaften kennen, sondern man reflektiert auch über die eigene. Es ermöglicht eine kritische, fundamentale und ontologische Sichtweise auf grundsätzliche Sozial- und Umweltprobleme der modernen Gesellschaften. Anders gesagt, eine Wissenperspektive außerhalb westlicher Denkmodelle könnte helfen, Probleme bezüglich der Umweltpolitik weiter- oder anders zu denken.
Rafael Freitas ist promovierter Literaturwissenschaftler an der Universität Leipzig. Er studierte Philosophie und Literatur in Brasilien, Argentinien und Deutschland. Er lebt seit 2010 in Leipzig und interessiert sich für transdisziplinäre Forschungen innerhalb der Ethik, Human- und Naturwissenschaften. Außer seiner wissenschaftlichen Tätigkeit und Neugierde arbeitet Rafael Freitas in verschiedenen Projektenten des Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen (Globales Lernen) und zur politischen Bildung.
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